Astrologie & Wissenschaft: Ein Widerspruch?
Steven Forrest, ein von mir sehr geschätzter Astrologe und Autor, beschreibt in seinem Buch „The night speaks: How astrology works“ seine zurückhaltende Reaktion auf die Frage „Und was machst du beruflich?“ bei Dinnerpartys.
Die Astrologie hat in unserer modernen, wissenschaftsorientierten Welt ein schweres Standing. Die negativen Assoziationen sind bei vielen so stark, dass sogar ein erfolgreicher Autor wie Steven Forrest nicht mit Stolz antworten kann „Ich bin Astrologe“, ohne mit irritierten Reaktionen rechnen zu müssen.
Die Kluft zwischen Astrologie und Wissenschaft ist groß, mit Misstrauen auf beiden Seiten. Menschen mit wissenschaftlichem Background, die sich ernsthaft mit der Astrologie auseinandersetzen (wenn auch nur, um sie zu kritisieren) sind eine Seltenheit.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie irrational viele Wissenschaftler auf die Astrologie reagieren. Allein bei der Erwähnung des Begriffs kommt es sofort zu Widerstand und Ablehnung. Eigentlich ein No-Go, da Rationalität und kritische Überprüfung das Fundament der wissenschaftlichen Methode bilden!
die Angst vor der Astrologie
Natürlich hat diese Pop Version der „Sun Sign Astrology“, bei der basierend auf einem einzelnen Aspekt des Geburtshoroskops allgemeine Voraussagen getroffen werden, nichts mit der Arbeit von professionellen Astrologen zu tun. Niemand käme auf die Idee, die Legitimität der Psychologie als Wissenschaft anhand von „Psychologie“ Artikeln in der Cosmopolitan zu bewerten.
Wissenschaftliche beweise?
Auch wenn mein größtes Interesse seit meiner Kindheit der Psychologie gilt, war ich schon immer einer dieser Menschen, die mit einem Gefühl von mystischer Ehrfurcht zu den Sternen blicken. Die Astrologie übte daher einen magnetischen Pull auf mich aus.
Als Wissenschaftlerin mit jahrelanger Erfahrung in experimenteller Forschung und statistischer Datenauswertung war das aber natürlich nicht genug für mich. Auch als ich in meinem Selbststudium die psychologische Tiefe und mathematische Eleganz der Astrologie kennenlernte und immer häufiger fast unheimlich präzise Antworten in meinem Geburtshoroskop entdeckte, blieb ich skeptisch.
Der Konflikt zwischen meiner wissenschaftlichen Grundhaltung und dem Gefühl der tiefen Sinnhaftigkeit, das ich in der Astrologie fand, schien lange unauflösbar.
Immer wieder stellte sich mir die Frage: Wenn meine eigenen Beobachtungen ein so konsistentes Muster zeigen, das kaum Zufall sein kann – müsste es dann nicht möglich sein, die Astrologie mit wissenschaftlichen Methoden zu überprüfen?
Meine Recherche ergab, dass es tatsächlich bisher fast niemand ernsthaft versucht hat. Sie führte mich aber auch zu einem Buch, das mir zeigte, dass ich mit diesem Interesse nicht alleine bin und das ich seitdem sowohl Astrologie-Enthusiasten als auch aufgeschlossenen Skeptikern empfehle: „Cosmos and Psyche“ von Richard Tarnas.
In diesem Buch wagte sich Richard Tarnas, emeritierter Professor für Philosophie und Psychologie und Kulturhistoriker, an die monumentale Aufgabe, den Zusammenhang zwischen astrologischer Symbolik und historischen Ereignissen systematisch zu untersuchen. Seine Ergebnisse wären wahrscheinlich sogar für die meisten Skeptiker überwältigend – wenn sie bereit wären, dieses Buch zu lesen!
Ausgehend von den archetypischen Bedeutungen der Planeten illustriert er die Korrespondenz zwischen spezifischen Konstellationen und signifikanten Perioden der Geschichte. In seiner Methodik wird deutlich, warum die moderne Wissenschaft mit der Astrologie ähnliche Schwierigkeiten hat wie mit der Tiefenpsychologie. Archetypen sind per Definition mehrdeutig und machen so präzise Vorhersagen unmöglich.
Tarnas stellt unter Beweis, dass dieser Aspekt eine wissenschaftliche Analyse erschwert, aber nicht ausschließt. Wenn wir astrologisch arbeiten, sind wir – ähnlich wie Tiefenpsychologen bei der Traumanalyse – darauf angewiesen, mit Mehrdeutigkeit zurechtzukommen. Die Planeten erzählen uns eine Geschichte; um sie zu verstehen, müssen wir allerdings eine neue Sprache lernen.
Ein konkretes Beispiel: Sowohl der kalte Krieg als auch die Corona Pandemie fanden in engem zeitlichen Zusammenhang mit einer Konjunktion von Pluto und Saturn statt. Hier handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche historische Ereignisse, aber bei beiden finden wir klassische archetypische Elemente dieser Planeten: Eine angespannte, krisenhafte Situation, die mit Einschränkungen und autoritärer Regulation verbunden ist (Saturn) und gleichzeitig starke unbewusste Ängste durch eine unsichtbare Bedrohung sowie ein Gefühl von Machtlosigkeit (Pluto) auslöst.
Wie ich mit astrologie arbeite
In meiner Coaching Praxis arbeite ich schwerpunktmäßig mit klassischen psychologischen Methoden. Die Astrologie ist aus meiner Sicht eine wertvolle Ergänzung für Klientinnen, die dafür aufgeschlossen sind und tiefer in die Exploration unbewusster Aspekte ihrer Psyche eintauchen wollen.
Persönlich halte ich wenig von prädiktiver Astrologie (wie dem klassischen „Jahreshoroskop“) und konzentriere mich hier vor allem auf zwei Aspekte: Die Bedeutung von aktuellen und vergangenen Transiten für das psychische Erleben und die Arbeit mit dem Geburtshoroskop als Indikator für persönliche Entwicklungspotentiale.
Die Astrologie ist für mich nach wie vor ein spannendes Lern- und Experimentierfeld und hat mir unter anderem sehr dabei geholfen, mehr Toleranz für andere Perspektiven zu entwickeln. Als Wissenschaftlerin glaube ich daran, dass eine skeptische und kritische Grundhaltung mindestens genauso wichtig ist wie die Bereitschaft, unser bisheriges Weltbild zu hinterfragen.
Ich würde mir eine wissenschaftliche Legitimation der Astrologie wünschen, halte sie aber – zumindest in den nächsten Jahren – nicht für wahrscheinlich. Aus meiner Perspektive ist sie allerdings nicht notwendig, um in Coaching & Therapie erfolgreich mit astrologischen Methoden zu arbeiten. Es scheint vor allem wichtig zu sein, dass ein Coach/Therapeut konsistent mit einem System arbeitet, das er beherrscht, ohne dass dieses wissenschaftlich bewiesen sein muss – was sich in in der ähnlichen Erfolgsquote ganz verschiedener Therapieansätze widerspiegelt (Wampold, 2015).
LITERATURANGABEN
Forrest S. The night speaks: How astrology works. Seven Paws Press 2016.
Tarnas R. Cosmos and psyche: Intimations of a new world view. Penguin 2006.
Wampold BE. How important are the common factors in psychotherapy? An update. World Psychiatry 2015; 14(3): 270-77.