Reguliert, dysreguliert? Wie du mit deinem Nervensystem arbeitest

mehr als ein sociaL MEDIA TRENd?

Wenn du auf Social Media unterwegs bist, wirst du seit 1-2 Jahren regelrecht bombardiert mit dem Thema Nervensystem.

Die Erklärung für ungefähr jedes Problem: „Dein Nervensystem ist dysreguliert.“ Und die Lösung: Kurse, die dir angeblich beibringen, wie du dich regulierst und dadurch mehr Geld verdienst, dein Business erfolgreicher machst und bessere Beziehungen führst.

Aber: Was ist wirklich dran? Als Neurowissenschaftlerin erkläre ich dir in diesem Post, was du wissen musst!

was ist das nervensystem?

Tatsächlich gibt es in unserem Körper mehrere Nervensysteme – in diesem Kontext ist aber in der Regel das autonome/vegetative Nervensystem gemeint. Dieses steuert unsere inneren Organe und dadurch wichtige Funktionen wie Atmung, Blutdruck und Verdauung

Es besteht aus zwei Anteilen, die als Gegenspieler fungieren – dem Sympathikus und dem Parasympathikus.

Der Sympathikus ist zuständig für Aktivierung; er sorgt dafür, dass Adrenalin freigesetzt wird und Atemfrequenz, Herzfrequenz und Muskelspannung steigen. So bist du optimal auf Belastungssituationen vorbereitet. Du kennst diesen Aktivierungszustand vielleicht als Fight-or-flight-Modus.

Dagegen hat der Paraysmpathikus die Funktion, dich in einen Ruhezustand zu bringen, in dem du dich von Stress erholen kannst. Wenn der Parasympathikus übernimmt, wird deine Atmung länger und tiefer, deine Muskeln entspannen sich und deine Verdauung beginnt zu arbeiten. Als Pendant zu Fight-or-flight nennen wir diesen Zustand auch Rest-and-Digest.

 Was bedeutet dysreguliert?

Dein Körper versucht, alle Funktionen immer wieder in einen Gleichgewichtszustand zu bringen (sog. Homöostase). 

Für das autonome Nervensystem bedeutet das: Wenn du dich extrem angestrengt oder aufgeregt hast, kommst du danach in einen tiefen Entspannungszustand, um dich dann wieder auf ein neutrales Level einzupendeln. Vielleicht kennst du diesen Effekt von dem angenehmen „High“, das du nach einem intensiven Workout erlebst.

Diese Gegenregulation funktioniert allerdings nicht mehr, wenn du im Dauerstress bist! Dein Körper schafft es nicht mehr, dich auf ein neutrales Level zu bringen. Die Folge: Du bist dauerhaft angespannt und nervös und hast oft mit körperlichen Symptomen wie hohem Blutdruck und Muskelverspannungen zu kämpfen.

In diesem Zustand fällt es dir schwer, „runter zu kommen“, aber du kommst auch nicht mehr wirklich nach oben: Wenn eine stressige Situation bevorsteht, fehlt die normale Aktivierung, die dich bei der Bewältigung unterstützt.

wann ist dein nervensystem reguliert?

Hier sehe ich oft falsche Informationen und Missverständnisse: Ein reguliertes Nervensystem bedeutet NICHT, dass du „immer cool bleibst“ und in fordernden Situationen keine Aufregung spürst!!

Im Gegenteil: Wichtig ist die Kapazität, flexibel zwischen Anspannung und Entspannung zu switchen

Ein biologisches Maß dafür ist die sog. Herzratenvariabilität (HRV). Eine höhere HRV bedeutet, dass die Intervalle zwischen deinen Herzschlägen stärker variieren, was zeigt, dass dein Nervensystem sich kontinuierlich an äußere und innere Veränderungen anpassen kann.

 impulse zur Selbsthilfe

Wenn du dein Nervensystem in einen regulierten Zustand bringen willst, geht es darum, genau diese Flexibilität zu trainieren. 

Hier ist wichtig, anstrengende oder aufregende Situationen nicht zu vermeiden, sondern bewusst in deinen Alltag zu integrieren. Diese sollten aber zeitlich begrenzt sein (z.B. 30 min High Intensity Workout) und danach solltest du eine genauso lange Phase der Entspannung einplanen (z.B. Entspannungsübungen, Meditation, Spaziergang).

Dein Nervensystem muss wieder lernen, dass es sicher ist, abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Das kann in unserer heutigen Zeit eine große Challenge sein, da es durch elektronische Medien keine klare Abgrenzung mehr zwischen Arbeit und Freizeit/ Aktivität und Ruhe gibt.

Es kann deshalb hilfreich sein, vor allem abends bildschirmfreie Zeiten einzuplanen und immer wieder ganz bewusst in die Verlangsamung zu kommen. 

Zum Beispiel: In deiner Pause 5 min in den Himmel schauen statt durch Social Media zu scrollen, nach dem Sport einige Zeit auf deiner Yogamatte liegen bleiben und tief atmen, Routinetätigkeiten wie Kochen bewusst achtsam und ohne zusätzlichen Input (z.B. Podcast hören) erledigen.

Fazit

Die Arbeit mit deinem autonomen Nervensystem ist definitiv ein relevantes Thema, das auch in Coaching und Psychotherapie sowie in der Wissenschaft eine Rolle spielt. 

Aber: Auf Social Media findest du häufig inkorrekte oder irreführende Informationen – und wie bei jedem Trend wird auch hier schamlos mit unseriösem Marketing gearbeitet!! Ein reguliertes Nervensystem kann deine Gesundheit und dein psychisches Wohlbefinden verbessern, aber nicht magisch alle deine Probleme lösen.

Mehr zu diesem Thema erfährst du in meiner aktuellen Podcast Folge:

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